Von Muskelkater, Spinnen und gutem Wein

1 Jahr, 6 Monate (=550 Tage): Okaihau, Neuseeland

10° – 18° – von Frühlingshaft bis Winterlich

Farmleben

1,5 Jahre – woop woop ich sollte den Sekt noch schnell kalt stellen, damit ich diese Jubiläum heute auch gebührend feiern kann :-).

Ich befinde mich derzeit im berühmten „mitten im Nirgendwo“ im Northland. Der Ort heißt offiziell Okaihau, aber ich habe noch nicht heraus gefunden wo dieser „Ort“ denn eigentlich ist. Denn irgendwie gibt es hier nur Wiesen, Wälder und ab und zu eine Farm. Der nächst gelegene Ort (wo man auch einkaufen und tanken kann) ist Kerikeri und man braucht ca. eine halbe Stunde bis dort hin.

Seit meinem letzten Bericht bin ich noch weiter Richtung Norden gefahren und habe ein paar Tage auf einer „Farm“ verbracht. Es ist eine Rinderfarm, die sich in den letzten Jahren aber auf Backpacker und Reisende spezialisiert hat, die Interesse an einer echten neuseeländischen Farm Erfahrung haben. „Urlaub auf dem Bauernhof“ könnte man es nennen, nur dass das in Neuseeland bedeutet – Schießen lernen, Fischen gehen, Motorkross fahren und lernen wie man alte Autos repariert. Alles was man halt so braucht, wenn man in Neuseeland auf ner Farm lebt. 😉

Als ich dort ankam war der Besitzer gerade auf dem Weg zum Schweinestall und hat mich gefragt, ob ich mit will. Äh klar warum denn nicht? Gedanklich war ich zwar noch irgendwie im Stadtleben, aber das macht ja nichts. Glücklicherweise habe ich aber noch schnell meine Flip Flops gegen meine festen Schuhe getauscht, denn man weiß ja nie wo man so landet. Also hopps in den alten Wagen, die Volontäre, Hunde, Gewehre und was man sonst noch so gebrauchen kann, wenn man zu den Schweinen fährt, wurden auf die Ladefläche gepackt und dann sind wir mal kurz zur „dicken Amy“, „Naomi Campell“, „Franky 2.0“ und co gefahren.

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Auf dem Weg dahin mussten wir noch kurz bei den Kälbern halten, da eins nach der Geburt nicht aufstehen wollte. Der Besitzer hat es kurz untersucht und nicht lange gefackelt, das Gewehr raus geholt und uns erklärt welche Stelle am Kopf am besten ist um ein Tier zu erschießen. Oh man, das irgendwie ganz schön faszinierend und traurig zugleich.

Nun ja und dann stehe ich da, knöcheltief im Dreck, gucke zu wie das tote Kalb in die Traktor Schaufel gepackt wurde und war gefühlt gedanklich noch das Stadtkind. Aber so schnell kann es gehen :-). Den einen Tag bist du noch in deinem Bürojob und ein paar Tage später bist du das Farm Mädchen und lebst auf nem Bauernhof. Ach ich mag es einfach so gerne, wenn Leben einfach so passiert. Ich habe die Tage auf der „Farm“ viel relaxt, mit dem Hausschwein geschmust und mich ganz dem wuseligen Leben da hingegeben.

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Als nächsten Stopp bin ich nach Paihia gefahren wo ich ja schon einige Tage aufgrund meines vorherigen Jobs verbracht habe. Es war wie nach Hause kommen :-). Und der Sommer hat sich angekündigt und ich konnte das erste Mal wieder in T-Shirt und kurzer Hose rum laufen. Yippppieh – liebe Sonne ich habe dich sehr vermisst. Einen Nachmittag bin ich nach Russell rüber gefahren und habe mich mit Fabian getroffen. Fabi, der eine zeitlang in Bielefeld gewohnt hat, lebt seit vielen vielen Jahren in Russell und ich hatte ihn 2004 nach meinem Australien Aufenthalt besucht. 12 Jahre später haben wir uns wieder gesehen, Pizza gebacken und zusammen mit seiner Frau und seinen Zwillingen einen klassischen Sonntag-Familien-Filme Abend verbracht :-). Herrlich!

Und die nächste Station war dann auch schon meine Volontärs Stelle im Puketi Forest. Wie gesagt, das berühmte „mitten im Nirgendwo“. Seit 2,5 Wochen bin ich nun Gast bei Barb und Ian und lebe und arbeite hier. Wobei heute mein letzter Tag war…

Die beiden haben eine Kuh-Farm, machen Wander Touren im Puketi Forest und haben ein kleines Eventcenter für Hochzeiten, Konferenzen, etc. Zur Zeit ist noch Vorsaison – das heißt die Anlage muss für die Touristen und Gäste auf Vordermann gebracht werden. Und dabei habe ich tatkräftig unterstützt. Gartenarbeit, Streichen, Lackieren, alles was so anfällt. Für ca. 5 Std Arbeit pro Tag gibt es Unterkunft und Verpflegung, in diesem Fall bedeutet das eine 2 Zimmer Wohnung für mich alleine und jeden Abend super leckeres Essen und hochwertigen Wein. Die beiden sind nämlich Weinkenner und daher habe ich das ein oder andere edle Tröpfchen bekommen :-). Da Barb es liebt Wäsche zu machen musste ich mir auch darum keine Gedanken machen. Hach, das ist schon ein Luxus, wenn man sich an den fertig gedeckten Tisch setzten kann und seine frisch gewaschene Wäsche in die Hand gedrückt bekommt.

Nun ja und dafür habe ich mich auch ordentlich ins Zeug gelegt. Oh man…. Mein kompletter Körper ist ein einziges Schlachtfeld :D. Ich habe überall Kratzer, blaue Flecken und mir tut jeden Tag ein anderer Muskel weh. Und soll ich euch was sagen? Ich finds geil! Körperliche Arbeit hat mir wahnsinnig gefehlt. Es ist so ein gutes Gefühl, wenn man den ganzen Tag (oder einige Stunden) gearbeitet hat und man es körperlich merkt. Ach und wenn man duscht und zu Beginn das dreckige Wasser sieht, dann macht mich das schon irgendwie glücklich. Haha, ich bin halt ein kleines Dreckskind. Ich bin mal gespannt wann ich es dann endlich schaffe meine Fingernägel wieder sauber zu bekommen und wann meine Arme wieder Kratzer frei sind. Und auch an die unzähligen Spinnen habe ich mich sogar so gewöhnt, dass es mich heute (fast) nicht gestört hat, dass mir eine übers Gesicht gekrabbelt ist.

Dieses Volonteering ist einfach eine so schöne Sache. Ich habe einige neue Talente an mir entdeckt und bin für eine kurze Zeit in das Leben einer neuseeländischen Familie rein gerutscht – mit allen Vor- und Nachteilen :D. Barb ist nämlich eine unheimlich liebevolle Person, aber kann im nächsten Moment die größte Furie sein. Manchmal war ich sehr neidisch auf Ian’s Hörgeräte, die er wahrscheinlich nicht nur einmal mit Vorsatz ausgeschaltet hat. Naja, ich habe dann meine Ohrstöpsel rein gemacht und fröhlich zu Elton John, Cro und was sonst noch so auf meinem Ipod zu finden ist gesungen. Spätestens da hat sich Barb wahrscheinlich auch ein Hörgerät zum ausschalten gewünscht ;-). Aber insgesamt haben wir drei uns eine super schöne Zeit gemacht und ich habe mich wunderbar ins Familienleben eingefügt.

Tja und wer hätte gedacht, dass ich ein Talent im „Bäume fällen“ habe?! 😀 Ich nicht! Gartenarbeit hat mir schon immer Spaß gemacht, was bei meiner Familie ja irgendwie kein Wunder ist ;-), aber das dieses Äste absägen und Bäume fällen (also wir sprechen von kleinen Bäumchen) mir soviel Spaß macht hätte ich niemals gedacht. Den ganzen Tag in Gummistiefeln rumlaufen, mit den Kühen quatschen und im Dreck spielen – das Paradies auf Erden für mich :-). Ich glaube ich bin die geborene Bäuerin.

gummistiefel

Eine kleine Anekdote von gestern Abend – Ian lag auf dem Sofa in seinem Bademantel und hat mit einem Freund telefoniert. Es muss ein ziemlich guter Freund gewesen sein, da es sich sehr vertraut und entspannt angehört hat. Ich habe ihn irgendwann nur in einer fast wehmütigen Stimme sagen hören „ach ja, jetzt sind die Jungs schon 7 Monate und sind schon so groß geworden. Oh man, wie die Zeit vergeht…“ Und da dachte ich nur, hä die haben doch noch gar keine Enkel… Und schon mal gar keine Zwillinge oder von welchen Jungs redet er. Nun ja, es hat einen Moment gedauert bis ich geschnallt habe, dass er von seinen Kühen spricht. Haha, oh man das war ja sooooo goldig, da hat es dann auch keinen Unterschied mehr gemacht, dass er mit seinem fliederfarbenen Plüsch Morgen Mantel auf dem Sofa liegt. Tja hier auf dem Land zählen halt nur die wirklich wichtigen Dinge.

Morgen geht es dann wieder auf die Straße, auch diesmal wieder ohne großartigen Pläne. Ich lasse mich mal einfach vom Wind treiben und gucke was so passiert. Einige Tage werde ich noch hier oben im Northland verbringen bevor es dann für eine paar Tage noch mal nach Auckland geht.. Und am 14.10. wartet dann die Süüüüüüüdseeee auf mich.

Das soweit als Update von mir und jetzt hoch die Tassen auf 1,5 traumhafte Jahre <3.

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